Ein Traumjob?

Thomas Blum arbeitet seit 25 Jahren als Psychologe im Studierendenwerk. Bei seinen Beratungsgesprächen trifft er auf die unterschiedlichsten Studierenden. Über Erinnerungen, Entscheidungen und einzigartige Begegnungen.

Bildnachweis: Tino Steudel

Die Beratungsstelle b!st

Interdisziplinär
Die Beratungsstelle im Studierendenwerk (b!st) vereint drei Expert*innen in einem Team: Rechtsberatung, Sozialberatung und psychologische Beratung.

Tränenreich
Durchschnittlich 40 Boxen Taschentücher werden pro Jahr verbraucht. Aber es gibt auch häufig Grund zum Lachen, Aufatmen und Freuen.

Streng vertraulich
Alle Berater*innen im Team unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratungsgespräche sind kostenlos.

Als junger Psychologiestudent in Berlin schaute ich etwas neidisch auf die Psychologen in der großen Beratungsstelle des Studierendenwerks Berlin, die einen ausgezeichneten Ruf in der Stadt hatte. Mir war klar, dass meine Chancen, eine dieser begehrten Stellen zu bekommen verschwindend gering waren. Viele Jahre später zog ich wegen der Liebe nach Augsburg und diese Entscheidung brachte mir viel Glück: Die Liebe blühte, ich bekam eine Kassenzulassung als Psychotherapeut und eine Stelle als Psychologe im Studierendenwerk Augsburg.

1997 gründete Katharina von Saucken-Griebel (Juristin, Beraterin, Öffentlichkeitsarbeiterin) das „b!st“, die Beratungsstelle im Studierendenwerk. Einmalig bis heute ist die interdisziplinäre Teamkonstruktion, bestehend aus einem Sozialberater, einer Juristin und einem Psychologen. Ich langweile mich bei Vereinzelung und in Monokulturen, stattdessen bin ich ein überzeugter Teamplayer und schätze die unmittelbare Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. Mit 55 Jahren wollte ich beruflich kürzertreten und trennte mich – für mich und andere überraschend – von meiner Kassenpraxis. Stattdessen entschied ich mich für die Beibehaltung meiner Stelle im Studierendenwerk, obwohl ich als niedergelassener Psychotherapeut mehr Freiheiten hatte und mehr Geld verdienen konnte.

"Wer mit jungen Menschen arbeitet, weiß, dass die Arbeit einen selbst jung hält."

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Thomas Blum

Irgendwie erschien mir die Arbeit in einer Institution und die Arbeit mit den Studierenden attraktiver. Das Studierendenwerk ist wie die meisten Einrichtungen sinn-voll, notwendig und verrückt zugleich. Statt in meiner Therapeutenblase in meiner Praxis zu leben, wollte ich näher ans reale Leben. Das habe ich gelegentlich schon mal bereut, letztendlich war es jedoch für mich die richtige Entscheidung: Die 25-jährige Arbeit mit den Studierenden, bei der ich über 3.000 Studierende zum Teil über längere Zeit habe begleiten dürfen, habe ich tatsächlich nie bereut. Manche Menschen fragen mich: „Wieso hörst Du Dir den ganzen Tag diesen Psychomist von Bekloppten an?“ Das sehe ich natürlich ganz anders. Die Ratsuchenden erlebe ich eher als Avantgarde. Kluge und sensible Menschen, die den Mut haben, ihren Ängsten und Abgründen ins Gesicht zu sehen und an sich zu arbeiten. Den „Bekloppten“ begegne ich eher außerhalb als Menschen, die zumeist unbewusst ihre psychischen Störungen sich und anderen antun.

Studierende sind meist zwischen 19 und 29 Jahren alt. Teilweise abgelöst von ihren Eltern, müssen sie häufig erstmalig alleine große Entscheidungen für ihr Leben fällen. In der heutigen Leistungs- und Multioptionsgesellschaft quälen sie Orientierungslosigkeit und Versagensängste. Dabei geht es in den Beratungsgesprächen um die klassischen Themen wie Studienfachwahl und Prüfungsängste. Aber auch um Probleme der verlängerten Adoleszenz, Ablösung vom Elternhaus, Einsamkeit, Partnerschaft und Freundschaft. 

Die Menschen und Gespräche spiegeln das komplette Leben wider

Manche haben auch behandlungsbedürftige Krankheiten wie Depressionen oder Angststörungen. Kaum jemand denkt daran, dass auch in diesen jungen Jahren Studierende mit Suizid oder Tod von geliebten Menschen konfrontiert sein können. Am schlimmsten empfinde ich es jedoch, wenn Studierende selbst von Krankheiten betroffen sind, die sie das Ende ihres Studiums wahrscheinlich nicht mehr erleben lassen. Also das komplette Leben taucht in der Beratung auf. 

Man kann sich vorstellen, dass diese Arbeit nie langweilig wird. Eine immerwährende Herausforderung, der Einzigartigkeit des jeweiligen Menschen gerecht zu werden. Neben dem therapeutischen Werkzeugkasten ist deshalb auch viel Kreativität gefragt. Manchmal darf man sich einfach auch nur mitfreuen, wenn eine Prüfung doch noch geschafft wurde oder die erste glückliche Liebe gelingt. 

Die Effektivität von Beratung im Vergleich zur Psychotherapie wird häufig unterschätzt. In wenigen Sitzungen können meist sehr große Erfolge erzielt werden. Wer mit jungen Menschen arbeitet, weiß, dass die Arbeit einen selbst jung hält. Der Raum der zukünftigen Möglichkeiten erscheint in diesem Alter noch so groß, dass er inspirierend wirkt. Die Sinnfrage der Arbeit stellt sich einfach nicht und dies empfinde ich als ein großes Privileg. Ich freue mich auf die letzten fünf Jahre meiner Berufstätigkeit und kann sagen: Psychologe im Studierendenwerk, das ist mein Traumjob.

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