
Hoch soll sie leben! Die Lechbrücke wird 50 Jahre
64 Meter ragt Augsburgs älteste Studierenden-Wohnanlage in den Himmel und reiht sich damit ein in eine Hochphase der Stadtentwicklung. Der Bau war eine architektonische Herausforderung.

Es hätte auch eine Aufgabenstellung in einer Matheprüfung sein können, die Herausforderung, vor der die frisch ernannte Universitätsstadt Augsburg zu Beginn der 70er Jahre stand: Wie bekommt man möglichst viele Studierende innerhalb möglichst kurzer Zeit unter – und das auch noch auf einer deutlich begrenzten Fläche? Mehr als 250 Apartments sollte Augsburgs erste Studierenden-Wohnanlage umfassen, damit junge Menschen für die Zeit ihres Studiums ein Zuhause fanden.
Zur Verfügung stand dafür ein Grundstück an der Lechbrücke: begrenzt auf der einen Seite durch die Schleife, die die Berliner Allee mit der Lechhauser Straße verbindet, auf der anderen Seite durch den Auslaufkanal des Proviantbachs. Das Gelände leicht abfallend. Auf ebendiesem Grundstück sollte nun ein Bauwerk entstehen, das die Aufbruchsstimmung dieser Ära widerspiegelte.
Wir haben Tag und Nacht am Schreibtisch gesessen.
--------Hans Engel, Architekt der Lechbrücke
„Wir haben Tag und Nacht am Schreibtisch gesessen“, erzählt Architekt Hans Engel, den die Stadt Augsburg gemeinsam mit Richard Hohenner als Planungsgemeinschaft beauftragte. Befreundet waren die beiden schon zuvor, jetzt arbeiteten sie erstmal zusammen an dem anspruchsvollen Projekt. „Allein wäre das nicht zu schaffen gewesen.“ Von den ersten Entwürfen bis zum fertigen Bau waren es nur 15 Monate, dann bezogen 1973 die ersten Studierenden die Wohnanlage. Möglich machte das auch die Verwendung von vorwiegend Fertigbauteilen.
Heute ist Hans Engel 87 Jahre alt. Herzlich bittet er an seinem großen Schreibtisch Platz zu nehmen, auf dem er früher große Pläne ausbreitete. Seine Erinnerungen an die Lechbrücke hat er in einem Notizbuch feinsäuberlich festgehalten, den Katalog zu seiner Werksschau 2016 im Architekturmuseum Schwaben bereitgelegt. Mehr als vier Jahrzehnte prägte Hans Engel das Baugeschehen in der Fuggerstadt und seinem Umland. Seine Arbeit reicht von Wohn- bis zu Sakralbauten, von Sanierungen historischer Denkmäler bis zu Modernisierungen von Industriestandorten.
Augsburg strebt nach oben: Hotelturm, Schwabencenter, Hochhaus an der Lechbrücke
Die Wohnanlage an der Lechbrücke ist und bleibt das einzige Hochhaus in seinem Schaffen als Architekt. Etwas ganz Besonderes? Nein, nein, Engel winkt ab und gibt sich bescheiden. Schließlich blieb den Planern nichts Anderes übrig als ein Solitär, um auf dem Grundstück eine so hohe Wohndichte zu erreichen. Nicht nur an dieser Stelle strebte das Augsburger Stadtbild nach oben. An zahlreichen Stadttoren wurden zu Beginn der 70er Jahre Hochhäuser gebaut. Als die Planungen zur Lechbrücke entstanden, war das bekannteste von ihnen bereits kurz vor seiner Fertigstellung: der 115 Meter hohe Hotelturm im Wittelsbacher Park. Kurz zuvor eröffnete das Schwabencenter mit seinen drei Wohntürmen.
Doch für die erste Studierenden-Wohnanlage der frisch gegründeten Universitätsstadt sollten besondere Anforderungen gelten: 20 Stockwerke hoch, ganz oben und unten Gemeinschaftsräume. Auf den mittleren Etagen immer 15 Appartements mit jeweils 16 Quadratmetern. Ergänzt werden sie durch Räumlichkeiten für eine Wohngemeinschaft auf 142 Quadratmetern im ersten Stock. Damit ausreichend Licht in die Zimmer fällt, wählte Engel eine schlaue und vor allem funktionale Lösung – einen dreieckigen Grundriss. Dieser Form sollte der Architekt in seinem späteren Schaffen treu bleiben. Denn nur wenige Jahre später war es Hans Engel, der als Teil einer Architektengemeinschaft den Augsburger Königsplatz zu einem großen Haltestellendreieck umbauen ließ.



