
20 Stockwerke voll Leben
Tausende von Studierenden wohnten über fünf Jahrzehnte lang in der Lechbrücke. Generationen an Bewohner*innen fanden hier ein Zuhause, Freundschaften – und manchmal auch die große Liebe.

Ein Rolls-Royce mit Roy Black?
Raimund Kamm, Politiker und ehemaliger Landtagsabgeordneter für Bündnis 90/Die Grünen, lebte zwischen 1973 und 1975 im Wohnheim an der Lechbrücke. Als der Einberufungsbescheid für die Bundeswehr kam, kündigte er vorsorglich sein Apartment. Doch es kam anders: Seinem Antrag auf Verweigerung wurde stattgegeben und Kamm konnte weiterstudieren. Für den Rest des Studiums kam er in einer Wohngemeinschaft im Bismarckviertel unter. An die Zeit in der Lechbrücke erinnert er sich gerne zurück.
„Es war eine tolle Stimmung im Haus, es gab Grillfeste auf der Dachterrasse und Musikein-lagen auf den Fluren. Ich würde das Zimmer im 10. Stock heute noch ohne Probleme finden. Vor allem den Ausblick auf die Lechbrücke habe ich immer genossen. Einmal fuhr ein weißer Rolls-Royce darüber und wir mutmaßten, dass damals bestimmt Roy Black daringesessen ist. Als es 1973 zur Ölkrise kam und es die autofreien Sonntage gab, blieb die Brücke leer. Von oben gesehen ein ungewohntes Bild.“
Eine Liebesgeschichte in der Lechbrücke
Gaby & Andy sind nicht weit gekommen. Von der großen Fensterfront ihres Wohnzimmers können sie hinüberblicken zum dem Ort, an dem sich die beiden kennengelernt haben. Nur wenige hundert Meter trennen ihr einstiges und jetziges Zuhause. Gaby und Andy dagegen kann dagegen nichts mehr trennen: Seit 2020 sind sie verheiratet und haben einen zweijährigen Sohn. Doch als sie vor mehr als zehn Jahren noch in der Studierenden-Wohnanlage lebten, ahnten sie davon noch nichts. Bei ihrer ersten Begegnung im Gemeinschaftsraum dachte sich Gaby noch: „Was will denn der Typ hier!“. Doch schnell wurde Andy zu ihrem Lieblingsnachbar – „Weil er so gut kochen konnte!“. Richtig gefunkt hat es erst, als die beiden schon aus der Lechbrücke ausgezogen und in eigene Wohnungen gezogen waren. Doch die Nikolausparty im Wohnheim wollten sie sich nicht entgehen lassen. Freunde aus der gemeinsamen Zeit dort hatten sie eingeladen, um zusammen zu feiern. Freunde, mit denen sie jetzt schon bald ihre Hochzeit groß nachfeiern wollen.
Erstbezug für einen Studenten der ersten Stunde
Dr. Herbert Lippmann war zu Beginn der 70er Jahre nicht nur Student der ersten Stunde, sondern auch Erstbezieher der ersten Studierenden-Wohnanlage Augsburgs. Eingeschrieben für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zählte er zu den 190 ersten Studierenden, die an der neugegründeten Universität ihr Studium aufnahmen, und kurze Zeit später zu den ersten 255 Bewohner*innen der neueröffneten Wohnanlage an der Lechbrücke. Zugeteilt wurde ihm ein Apartment im 18. Stock, also ganz oben – „Wie damals von mir erhofft!“. Und noch mehr Glück hatte Lippmann bei der Lage: Gleich nebenan zog ein Kommilitone, mit dem Lippmann bis heute befreundet ist. Neben seiner Zimmertür war übrigens das Stockwerkstelefon an der Flurwand angebracht, damals noch Fernsprecher genannt. Wollte Lippmann jemanden anrufen, zog er das Kabel mit dem Hörer unter der Tür durch. So konnte er ungestört und bequem vom Bett aus telefonieren. Häufig klingelte es aber auch für die anderen Bewohner*innen, sodass Lippmann auf dem gesamten Stockwerk erst einmal suchen musste.
Die Lechbrücke-WG – ein eigenes Reich
Georg, Valentin & Barış putzten bis zuletzt noch gerne miteinander Zähne und Zimmer. Zusammen mit drei anderen Mitbewohner*innen lebten sie in der einzigen WG der Lechbrücke. „Was dem Gebäude vielleicht an Optik fehlt, machen die Charaktere wieder wett, mit denen man hier zusammenwohnt“, erzählt Valentin. Denn hier wurde miteinander gefeiert, Kunst, Theater & Yoga gemacht. Über einen eigenen Aufgang zu erreichen und gleich gegenüber der Hausmeisterwohnung befand sich das Reich mit sechs Zimmern, einer kleinen Küche und einem großen Balkon. Beim Ausräumen kamen so einige Kuriositäten zum Vorschein, die sich über die Jahre hinweg angesammelt hatten. „Ein kleines Museum“, vergleicht es Barış und zeigt eine bunt bemalte Schaufensterpuppe. Kunst war immer etwas, was die WG irgendwie zusammenhielt: Georg entwarf die Plakate für die WG-Partys, am letzten Wochenende vor dem Auszug organisierten sie eine Vernissage mit selbstgeschriebenen Texten, Performance & Videokunst. Und natürlich wurde zuletzt auch noch groß gefeiert – bis irgendwann mitten in der Nacht die Polizei vor der WG-Tür stand. Nun trennen sich ihre Wege: Für Valentin geht es ins Auslandssemester nach Istanbul. Barış will erst einmal durch Indien reisen. Georg und die anderen ehemaligen Bewohner*innen sind in anderen WGs untergekommen.
Training im Treppenhaus zahlt sich aus
Dominik Kleinhans hatte einen echten Heimvorteil, als er am Modepark-Röther-Hochhauslauf teilnahm. Der fand im Treppenhaus der Wohnanlage statt, in der Kleinhans von 2010 bis 2013 lebte. 335 Stufen galt es schnellstmöglich vom Erdgeschoss bis zur Dachterrasse hochzusteigen. Für den Maschinenbaustudierenden der Hochschule Augsburg, der inzwischen in der Projektentwicklung arbeitet, eine echte Herausforderung. 2010 landete er auf dem zweiten Platz mit einer Zeit von 1:24,1 Minuten und hängte damit so manche Profis ab, die international an Treppenläufen teilnehmen.
„Ich habe damals viel Sport gemacht, war beim Uni-Sport aktiv, bin am Lech joggen gegangen und spielte Eishockey. Doch wenn schlechtes Wetter war, wollte ich nicht raus und suchte nach einer Alternative. Mein Apartment war nur einen Meter vom Treppenhaus entfernt und so fing ich an. Zehnmal hintereinander lief ich hinauf. Runter ging es immer mit dem Aufzug, sonst macht man sich die Gelenke kaputt. Dabei lernte ich irgendwann einmal den Veranstalter des Trep-
penlaufs kennen. Am Wettkampftag selbst hatte ich gegenüber anderen Teilnehmenden die Technik raus und Routine. Ich wusste genau, wie ich mir meine Kräfte einteilen und wohin ich mit der Hand am Geländer greifen musste. Trotzdem habe ich oben angekommen erst einmal ganz schön nach Luft geschnappt. Als Preis gab es ein Bierfass, das habe ich der Wohngemeinschaft überlassen.“
Herzlich & hilfsbereit: Die Lechbrücke-Mama
Victoria Woelfel war bis zum Auszug vor der Sanierung Tutorin in der Lechbrücke. Als solche organisierte die Jurastudentin Veranstaltungen wie die wöchentlichen Spieleabende oder Mottopartys. Ihre herzliche und hilfsbereite Art hat ihr sogar den Spitznamen „Lechbrücke-Mama“ eingebracht. Es gab nur wenige im Haus, die sie nicht kannte und genauso andersherum. Auch die beiden Mitbewohner*innen in ihrer neuen WG sind keine Unbekannten, sondern ebenfalls Studierende aus der Lechbrücke.
„Als ich vor zweieinhalb Jahren zum Beginn der Corona-Pandemie einzog, war kaum etwas los im Haus. Apartments standen leer, weil Studierende aus dem Ausland gar nicht anreisten. Die Gemeinschaftsräume waren zugesperrt, Veranstaltungen verboten. Das war deprimierend. Mit der Klausurenphase änderte sich das, nach und nach kamen im-
mer mehr Bewohner*innen zurück. Zuerst lernte ich meine Nachbarin kennen, dann über die Tutorenarbeit viele andere. Bei den ersten Veranstaltungen, die ich organisierte, waren anfangs noch maximal zehn Perso-
nen erlaubt. Irgendwann durften wir wieder richtige Partys feiern und man merkte, wie sehr es den Leuten gefehlt hat. Damit der Kontakt zu ihnen nicht abreißt, wollen wir uns im Sommer ganz in der Nähe für eine Grillparty am Lech treffen.“





