
Der Hochhausmeister
30 Jahre lang wohnte und arbeitete Edwin Miess in der Lechbrücke. So erlebte er die Tage vor dem großen Auszug.

Schon immer hat Edwin Miess anderen zu einem schönen Ausblick von oben verholfen. Denn gelernt hat er eigentlich Flugzeugbauer. Dann wurde 1993 ein Hausmeister für die 20-stöckige Studierenden-Wohnanlage an der Lechbrücke gesucht, Miess bewarb sich. Seit drei Jahrzehnten erlebt er, wie Studierende ein-, um- und auszogen. Er selbst blieb, kümmerte sich um Reparaturarbeiten und um ein funktionierendes Zusammenleben.
Edwin Miess ist es auch, der nun organisierte, dass alle 255 Apartments rechtzeitig für die anstehenden Sanierungsarbeiten leer standen. In den letzten Tagen, bevor die letzten Bewohner*innen die Wohnanlage verlassen haben, hatte er noch alle Hände voll zu tun: Zeitweise bildete sich eine Schlange an Studierenden, die ihre Schlüssel zurückgaben.
Ein Container voller Erinnerungen
In einem großen Sperrmüllcontainer im Innenhof sammelte Miess all das, was nach fünfzig Jahren Wohnheimleben übrigblieb und nicht mehr benötigt wurde. Er faltete Pappkartons klein, verlieh seinen Schraubenschlüssel, heftete Auszugsprotokolle ab. Routiniert machte er das, für Wehmut blieb keine Zeit.
„Die technischen Aufgaben, die dieser Beruf mit sich bringt, habe ich schnell herausgehabt“, erzählt Miess von seinen Anfängen als Hausmeister. „Beim Umgang mit den Bewohnern musste ich dagegen meinen Weg erst noch finden: die goldene Mitte zwischen Strengsein und mal ein Auge Zudrücken.“ Anfangs haben die Studenten auch noch mehr in den Tag hineingelebt, sich wenig aufs Studium konzentriert und es eher larifari gemacht.
Ein Matratzenlager auf dem Flur
Stattdessen wurde viel gefeiert und auf den Fluren Matratzenlager gemacht. Dieses soziale Leben sei mit den Jahren weniger geworden – vor allem nachdem irgendwann auch jeder einen eigenen Internetanschluss in seinem Apartment hatte.
Über die Jahre hat Edwin Miess viel erlebt und beobachtet. Schließlich war er immer vor Ort, richtig Feierabend hatte er nie. Denn neben seinem Hausmeisterbüro direkt am Eingang, bezog er auch die vorgesehene Hausmeisterwohnung im ersten Stock. Manche Bekannte fragten ihn, wie er es nur in so einem Betonklotz aushalte. Doch für den Hausmeister gibt es keinen Wohn- und Arbeitsort mit einer besseren Lage – nah am Lech, nah an der Innenstadt.
Nach der Sanierung will er gerne zurück, um dort die letzten Jahre bis zu seiner Rente tätig zu sein. Bis dahin übernimmt er eine Stelle in der Wohnanlage Göggingen