
Openstage bis Oper, Straßenmusik bis Sommerhit
Die CampusKunst ist für viele Studierende mehr als nur eine Bühne. In vier Portraits erinnern sich ehemalige Künstler*innen zurück an ihre ersten Auftritte.


Loamsiada
Die Geschichte von Valentin Metzger und Mo Ludl erinnert an eine romantische Komödie, in der sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen, bis sie endlich zusammenfinden. Ihr Happy End trägt den Namen „Loamsiada“ und bringt bayerischen Mundart-Pop auf die Bühne. Und das äußerst erfolgreich: Denn bereits im ersten Jahr hatte die Boyband auf Bayerisch rund 70 Auftritte. Metzger und Ludl kennen sich schon seit ihrer Kindheit, studierten später beide Erziehungswissenschaften in Augsburg und teilten seit jeher die Leidenschaft zur Musik – allerdings nie gemeinsam.
Unabhängig voneinander gründeten sie Bands, waren in Musik-Projekte involviert, hatten Auftritte bei denselben Veranstaltungen. So eben auch 2019 bei der CampusKunst: Metzger stand mit der Jazz-Funk-Combo „The Big Band Theory“ auf der Bühne, Ludl solo mit Gitarre und bayerischen Texten, seine Band „Munterharmonika“ hatte sich kurz zuvor in eine Pause verabschiedet.

Die Absolvent*innenfeier ihres Studiengangs sollten die beiden schließlich gemeinsam musikalisch gestalten. Einige Proben später stellten sie fest, dass sie stimmlich und künstlerisch gut zusammenpassen. Mo Ludl hatte außerdem einige Songtexte in der Schublade, denen nur etwas fehlte: Nämlich Blasmusik und die restlichen fünf Bandmitglieder, die sie gemeinsam zusammenstellten zu „Loamsiada“ – bayerisch für Leimrührer und gleichzeitig ein Schimpfwort für Leute, die ihren Hintern nicht hochbekommen.
Gerade mit diesem Mix aus Mundart und tanzbarem Urban-Brass treffen die beiden einen Nerv. Seit ihrem ersten ausverkauften Konzert in der Augsburger Soho Stage folgt ein Auftritt dem anderen – und führt sie über die Grenzen Bayerns hinaus, zum Beispiel nach Berlin, Hamburg oder Zürich. Zudem wurden sie zu Bayern-Botschaftern für den Tourismus im Freistaat ernannt. Nach einem vollen Festivalsommer 2023 wollen sie nun die ruhigeren Monate nutzen, um an neuen Songs zu arbeiten.

Octavian
Dass auf die CampusKunst auch der Sommerhit des Jahres folgen kann, beweist Sänger Octavian. Er ist die Stimme hinter dem Song „Mädchen auf dem Pferd“, der 2023 als Techno-Remix neu veröffentlicht, zunächst auf TikTok gehypt und schon bald überall gespielt wurde. Das Original stammt aus der Feder von Rosenstolz-Künstler Peter Plate und fand sich 2014 auf dem Soundtrack des Bibi&Tina-Films wieder. Im selben Jahr trat auch Octavian in der Mensa an der Universität Augsburg auf, wo er damals noch Medien und Kommunikation studierte. Statt von Mädchen und Pferden sang er von DJs und Romeos. Statt elektronischer Party-Beats hatte er ein Akustik-Set dabei.
Mit ihm auf der Bühne seine beiden besten Freunde, mit denen er die Band „Natural Needs“ gegründet hatte. Als wir im Herbst mit Octavian telefonieren, kommt der gebürtige Augsburger gerade zurück von einem Wochenende am Ballermann. Zwölf Mal stand er in diesem Sommer allein im dortigen Megapark auf der Bühne, dazwischen ein Auftritt im ZDF-Fernsehgarten und immer wieder Konzerte in Deutschland und Österreich. Ein Ende war noch nicht in Sicht, denn die Après-Ski-Saison folgte. Ist er davon nicht total überrumpelt?
„Für mich fühlt es sich auf der Bühne ganz natürlich an, fast schon wie ein Zuhause“, sagt er. Erst jetzt habe er gemerkt, was ihm in den Corona-Jahren gefehlt hat, als er hauptsächlich als Songwriter für andere gearbeitet habe, statt selbst auf der Bühne zu stehen. Einen ersten Eindruck davon, vor vollem Haus zu performen, bekam er bei der Campus-Kunst. „Das war definitiv einer der ersten, großen Auftritte“, erinnert sich Octavian, der damals oft nur vor wenigen Leuten als Straßenmusiker in der Fußgängerzone spielte.

Nach drei Semestern schmiss er das Studium hin. Denn ein vielversprechendes Angebot wartete: Wincent Weiss statt Vorlesungssaal. Zwei Jahre ging er mit dem Deutsch-Pop-Musiker auf Tour. Es folgten Engagements für Mike Singer und Pietro Lombardi. Schon bei der CampusKunst nahm er sein Publikum mit, animierte zum Mitsingen. Wenn er heute auftritt, muss er dafür gar nicht mehr viel tun. Schließlich kennen bei seinem Sommerhit die meisten den Text.

Luka Marija
Mit seinen 2,04 Metern ist Luka Bransteter zumindest von der Körpergröße gesehen der wohl größte Comedian in Deutschland. Aber auch er fing einmal klein an, nämlich 2016 bei seinem allerersten StandUp-Auftritt auf der CampusKunst-Bühne. Ein bisschen unsicher, ein bisschen komisch, manchmal ein bisschen mit der Pointe über das Ziel hinausgeschossen – und trotzdem blieb Luka zwischen melancholischen Poetry-Texten und oft gehörten Cover-Songs der anderen Künstler*innen an diesem Abend in Erinnerung.
Bei seinen beiden CampusKunst-Auftritten 2016 und 2017 studierte Luka Bransteter noch Interaktive Medien an der Hochschule Augsburg. Ein Jahr später brach er das Studium ab und verfolgte von da an ganz den Traum einer Karriere als
Comedian. Tagsüber arbeitete er an der Supermarktkasse, abends und am Wochenende stand er in der ganzen Bundesrepublik unter dem Namen „Luka Marija“ auf StandUp-Bühnen. Er organisierte Veranstaltungen für Nachwuchs-Talente in München, lebte erst in Berlin, später in Köln, wo ihn eine große Produktionsfirma unter Vertrag nahm. Aus seinem Queersein macht er mittlerweile kein Geheimnis mehr, sondern es ist vielmehr Teil seines Bühnenprogramms, ebenso wie Anekdoten über seine zahlreichen Nebenjobs und das Zusammenleben mit nervigen Mitbewohnern.
Kurz vor der Corona-Krise teilte er sich mit anderen Branchengrößen bei Comedy Studio Berlin und Night Wash die
Bühne, aß mit Stefan Raab gemeinsam zu Abend, machte über zehn Shows im Monat. Doch er lernte auch die Seiten der Branche kennen, die für ihn nicht wirklich zum Lachen waren: erst wurden wegen der Pandemie Auftritte abgesagt, dann die versprochene Solo-Tournee mangels Follower-Zahlen gecancelt. Wieder sitzt Luka Bransteter an der Ladenkasse, wieder ist er aus der Großstadt zurück zu seinen Eltern in die Heimat gezogen. Und wieder ist er ein bisschen unsicher, wie ganz am Anfang bei der CampusKunst, wie er weitermachen soll. Doch dass er darüber so offen spricht, das zeugt selbst für den größten Comedian von Größe.

Dorothee Koch
Dorothee Kochs Leben ist eine Aneinanderreihung von Premieren. Kein Wunder, dass da auch die Premiere der CampusKunst nicht fehlen darf – auch wenn sie damals noch etwas ganz Anderes präsentierte, als das, wofür sie heute bekannt ist. 2006 fand zum allerersten Mal die beliebte Veranstaltungsreihe des Studierendenwerks statt. Siebzehn Jahre später hat Dorothee Koch Open Stage gegen Opernbühne getauscht: „La Traviata“, „Tosca“, „La Bohème“, „Die Fledermaus“, es gibt kaum ein großes Werk, das sie als Sopranistin nicht schon aufgeführt hat. Als Konzertsängerin ist sie mittlerweile national und international gefragt.
Seit ihrem vierten Lebensjahr singt Dorothee Koch, erst im Chor, später als Solistin. „Überall wo es eine Bühne gab,
stand ich drauf“, erzählt sie. Kein Wunder also, dass sie auch auf der CampusKunst-Bühne stehen wollte. Dass sie dort nicht gesungen hat, dagegen schon. Denn Dorothee Koch brachte stattdessen eines ihrer vielen anderen Talente auf die Bühne. „Im letzten Schuljahr hatte ich kaum Auftritte, weil ich mich voll und ganz auf das Abitur konzentriert habe“, erklärt sie.
Als Erstsemester-Studierende bedeutete es ihr viel, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, doch für einen Gesangsauftritt fehlte ihr die Übung und die Sicherheit. Daher entschied sie sich für Bauchtanz. „Die Stimmung war super, das hat richtig süchtig gemacht.“ So süchtig, dass sie ein Semester später wieder an der Campus-Kunst teilnahm, dieses Mal mit einer Mischung aus Tanz und Gesang.
Schon damals bereitete sie sich für die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vor. Eingeschrieben war Dorothee Koch zunächst in Augsburg für Politikwissenschaften, Französisch und Japanisch, nur um drei Semester später an die Hochschule für Musik Nürnberg-Augsburg zu wechseln und dort ihr Gesangdiplom zu machen. In München schließlich schloss sie 2011 mit dem Meisterklassendiplom ab. Als Stipendiatin der Richard-Wagner-Stiftung war sie im fränkischen Bayreuth, als Semifinalistin des Gesangswettbewerbs von Montserrat Caballé im spanischen Zaragoza.
Nach einer langwierigen Covid-Erkrankung ist sie froh, dass ihre Stimme endlich wieder auf dem Niveau ist wie zuvor und auch die Opernproduktionen und Konzertbuchungen langsam wieder anlaufen.
